DAS MÄRCHEN

Die Liebe hat es herangeweht,

das Geheimnis hat es verschleiert

die Hoffnung hat es genährt,

der Humor hat es gewürzt,

die Freude hat es großgezogen

und die Weisheit hat es vollendet.

 

 

WOHIN ICH AUCH GEHE

 

Ein junger Kaufmann reiste einst in eine ferne Stadt, die er nur vom Hörensagen kannte. Vor den Toren dieser Stadt fragte er einen dort weilenden, einheimischen Händler wie es sich so lebt in dieser Stadt. 

„Wie war es in der Stadt, von der du kommst?“, fragte der Händler.

„Da gibt es nichts auszusetzen“, antwortete der junge Kaufmann, „wir freuten uns des Lebens, und halfen einander, wenn es von Nöten war. Wir schätzten einander sehr und teilten Freud und Leid.“

„Genauso ist es hier, in dieser Stadt“, sagte der Händler, „sie gleicht deiner Stadt aufs Haar.“

Anderen Tags kam ein anderer Kaufmann zu den Toren dieser Stadt. Und auch er fragte just den selben Händler wie es sich so lebt in dieser Stadt. „Wie war es in der Stadt, von der du kommst?“, fragte der Händler.

„Da gibt es viel auszusetzen“, antwortete der Kaufmann, „wir stritten um den Profit, übervorteilten uns gegenseitig und es gab keine Hilfe, wenn einer in Not war. Neid und Zwietracht  waren das Tagesgeschäft.

„Genauso ist es hier, in dieser Stadt“, sagte der Händler, „sie gleicht deiner Stadt aufs Haar.“

Ja, wohin ich auch gehe, ich nehme mich selber mit.

TIM BUKTO DER HIMMELSHUND

 

Baku war ein Junge, nicht älter als du jetzt und viel jünger als ich. Er lebte in einer Stadt voller Teiche und kleiner Gärten am Rande einer großen Ebene. In der Mitte der Stadt stand ein himmelhoher Turm und keine Mensch dieser Stadt konnte sich erinnern, wann dieser Turm erbaut wurde. „Er ist schon immer hier gestanden und wird dies auch noch tun, wenn wir schon tot sind“, sagten die Menschen und waren damit zufrieden. Ab und zu blickten sie den Turm hinauf und soweit sie auch den Kopf nach hinten legten, das Ende des Turms blieben ihren Augen verborgen. Darum war auch noch kein Einwohner der Stadt je auf den Gedanken gekommen den Turm zu besteigen. „Er ist für einen Menschen einfach zu hoch“, sagten sie und setzten erst gar keinen Fuß auf seine Stufen. Sie liebten ihn jedoch als das erhabenste Wahrzeichen der Stadt.

Anders als den Menschen der Stadt, den Kaufleute, den Färbern und Webern, den Gewürzhändlern, den Weinbauern, den Bettlern, den feinen Frauen und Mädchen und den Reichen, erging es Baku. Er liebte den Turm wie alle anderen, doch ihn verband mit diesem Turm ein tief im Herzen wachendes Geheimnis.

Jeden Tag nun, wenn die Sonne sich am Morgen über der Ebene erhob, erhob sich Baku von seinem Lager, nahm eine große kupferne Kanne und machte sich auf den Weg. Er ging von Tür zu Tür und erbat sich die Reste des Weines aus den Bechern, die am Abend nicht geleert wurden. „Alle lieben den Wein, doch ein Schluck muss für die Götter sein“, sagte er immer, wenn ihm die Tür geöffnet wurde. Für die Leute in der Stadt war Baku ein gewohnter Anblick und sie gaben ihm gerne die Reste des Weines, doch um die Kanne voll zu bekommen verging meist der ganze Tag. Dann erst war für Baku den Jungen das Tagwerk beendet, doch nicht die Arbeit der Nacht.

Denn wenn die Sonne sich über die Ebene senkte, nahm er die große, schwere, kupferne Kanne und machte sich mit ihr auf den Weg zum Turm um im Schutz der Dunkelheit Stufe für Stufe den Turm empor zu steigen. Da er nicht zählen konnte, wusste er nicht wie viel Stufen er zu steigen hatte, und hätte er’s gewusst, hätte es ihm nicht viel genützt. Baku sang den ganzen langen Weg bis zur Spitze des Turms:

„Wer hat mein Leben aus Spinnweben so fein geflochten

zu einem sonnig glitzernden Segel?

Wer hat meinen Füßen erlaubt so weit zu gehen

und meinen Augen erlaubt so weit zu sehen?

At schah taa , At schah taa …..

Das war die erste Strophe des Liedes und von Strophe zu Strophe stieg er höher und höher. Am Ende seines Liedes stand er vor einem kleinen Mauerchen ohne Tür, das sich aber ganz bequem übersteigen ließ. Und dahinter lag der schönste Garten, den er in seinem kleinen Dasein je gesehen hatte. Die Hügeln waren sanft und voller grün und die Bäume standen in Gruppen zusammen, wie eine Familie. Das Schönste aber war das Licht in dem der ganze Garten still schimmerte. Jede Nacht, wenn er den Garten betrat, und das weiche warme Gras unter seinen Füßen spürte, seufzte Baku aus ganzer Seele und von ihm fiel die harte Last des Tages ab. Und jede Nacht saß vor der weißen Marmortreppe, die sich den Hügel hinauf wand Tim Bukto der Himmelshund.

„Ah ja“, pflegte er jedes Mal zu sagen, „da bist du ja.“

Und jedes Mal reichte ihm Baku seine schwere Last und sagte: „Ich bringe den Wein.“

Und dann gab ihm Tim Bukto jedes Mal eine Kanne, die seiner aufs Haar glich und verabschiedete sich mit den Worten: „Ein wenig Sternenlicht, nicht wahr, ein wenig Sternenlicht.“

Und dann kam für Baku das Vergnüglichste: die Rückreise. Denn jetzt brauchte er keine Stufen zu nehmen. Flink wie der Wind trug ihn eine Rutsche im inneren des Turms spiralförmig nach unten.

Was geschah mit dem Sternenlicht? Ich weiß es nicht. Und du? Wirst du es träumen? 

  

 

Der verlorene Schlüssel

 

Mulla Nasruddin war auf allen Vieren draußen unter einer Laterne, als ein Freund hinzukam. "Was machst du da, Mulla?" frage sein Freund. "Ich suche nach meinem Schlüssel, den ich verloren habe. " Also begab sich sein Freund ebenfalls auf alle Vie-re, und beide suchten lange Zeit im Schmutz unter der Laterne herum. Da sie nichts fanden, wandte sein Freund sich schließlich an Nasruddin mit der Frage: "Wo genau hast du ihn verloren?" Nasruddin antwortete: "Verloren hab` ich ihn im Haus, aber hier draußen ist mehr Licht."

 

 

 Eine Sufi-Geschichte